Auf eine Nacht mit Orang Utans

Nach einem „Stopover“ in Medan führt uns unsere Reise nach Bukit Lawang. Da es laut Internet recht kompliziert sein soll, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, also dem „Chickenbus“ von A nach B zu kommen, man hierbei nahezu nie den eigentlichen Preis bezahlt, die Fahrt in der Regel doppelt so lange sein soll und unglaublich unkomfortabel, beschließen wir, auf das Touristentaxi zurück zu greifen. Wir bezahlen pro Person 120000 Rupiah, was umgerechnet um die 8€ sind. Klingt für eine 3-4 Stündige Fahrt in einem normalen PKW erst mal fair. Wir werden pünktlich abgeholt und starten unsere Tour. Alleine die Fahrt nach Bukit Lawang lässt Freude aufkommen! Es gibt links und rechts soviel zu beobachten! Kleine Dörfer, um herlaufende Kühe, Affen und eine unbeschreiblich schöne Natur! Ich bin total verliebt. Doch auch wenn der Weg bereits beeindruckend ist, so soll uns Bukit Lawang absolut überraschen. Soviel kann ich vorweg verraten, unser Dschungeltreck bildet eine der besten Touren, die ich bisher auf Reisen gemacht habe!

„Welcome to Bukit Lawang“

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In Bukit Lawang angekommen, werden wir an der Touristentaxi Station von einem Mann aus unserem Guesthouse abgeholt. Wir erhaschen auf dem Weg zum Rainforest Guesthouse einen ersten Blick auf die kleine Stadt. Es sieht gemütlich aus! Durch die Stadt verläuft ein Fluss und Bukit Lawang wird geschmückt durch mehrere kleine, sowie eine große Hängebrücke. Im Guesthouse angekommen gönnen wir uns einen frischen Saft bzw. Shake, buchen unseren zweitägigen Dschungeltreck und lassen den Tag bei gutem Essen in der Hängematte am Fluss ausklingen. Dabei beobachten wir in den späten Nachmittagsstunden viele kleine Affen, die gegenüber sowie bei uns im Guesthouse versuchen, sich das eine oder andere Hab und Gut der Gäste zu ergaunern. Ein irgendwie witziger Anblick, dennoch ist an dieser Stelle Vorsicht geboten!

„Ein paar Worte vorweg an all die Kritiker, die die Anfütterung von Tieren verurteilen“

Ja, es gibt viele Plätze auf der Erde wo alles im Sinne des Touristen läuft und absolut nicht Tiergerecht. Wir erlebten es in den Everglades, wo Krokodile mit Käsecrackern angefüttert wurden! Wir haben mit der Zeit gelernt, mal genauer hin zu gucken, bevor wir pauschal alles ablehnen. In Bukit Lawang ist es so, dass viele der Orang Utans den Guides bekannt sind und viele auch Namen haben. Das ist in erster Linie darauf zurück zu führen, dass die genannten Affen bereits bedingt durch Verletzungen und Co im Rehabilitionszentrum waren. Auch genießen diese Orang Utans mal gerne den einen oder anderen Obstsnack. Beliest man sich über deren Nahrung weiß man aber auch, dass sie Früchte auch von Natur aus essen. Ebenso begegnet man hier auch komplett fremden Orang Utans, von denen die Guides auch direkt offen sagen, dass sie diese nicht kennen. Dennoch sind auch diese in 5 Meter Nähe zu betrachten. Die Guides bezahlen von den Einnahmen viel Geld an die Regierung, um den Dschungel und somit den Lebensraum der Orang Utans zu bewahren. Wir machen die Erfahrung, dass die Guides dem Dschungel und den Tieren mit sehr viel Respekt begegnen. Es wird bei jedem, auch sich selbst, sehr darauf geachtet, sich umsichtig zu verhalten, dass z.B. Zigarettenstummel nicht auf dem Boden landen, sondern eingepackt und später entsorgt werden. Wir erfahren in den zwei Tagen super viel Hintergrundwissen über den Dschungel und die dort lebenden Tiere. Wir machen keine negativen Erfahrungen hingehend der Achtung und des Respekts gegenüber dem Dschungel.

„Sumatera Vibes – let´s trek the jungle“

Der Tag beginnt zu einer humanen Uhrzeit (7.00h). Gestärkt mit einem leckeren Bananenpancake und bepackt mit dem Nötigsten starten wir um 8.30h Richtung Dschungel. Wir haben Glück, denn unsere Gruppe ist relativ klein. Unsere Kerngruppe besteht neben uns beiden nur noch aus einem weiteren Mädchen, welche gebürtige Bochumerin ist und aktuell in Irland lebt, sowie aus unserem Guide Oman. Bis zu den Mittagsstunden werden wir noch durch eine Mutter mit ihrem Kind begleitet. Kaum im Dschungel angekommen begegnen wir bereits den ersten Affen, den „Thomas Leaf Monkeys“.

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Diese sollten jedoch nicht die einzigen Begegnungen des heutigen Tages bleiben. Nach ca. einer Stunde Wanderung begegnen wir wilden Orang Utans! Wir sind total geflasht von dem Anblick und ich kann kaum fassen, was sich vor meinen Augen abspielt! Der nächste Orang Utan, dem wir im Dschungel begegnen ist ein unbekanntes, ausgewachsenes Männchen. Leider befinden wir uns ein wenig in einer Sackgassensituation. Wir kommen von links, eine andere Gruppe kommt von rechts und der Affe ist in der Mitte des Weges. Und ich bin begeistert und beobachte das Tier! Nach wenigen Minuten lässt sich die Situation jedoch auflösen und jeder geht seines Weges.

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„Essen mit einem Affen“

Oman kümmert sich sehr gut um uns und unser leibliches Wohl. Nach zwei Stunden geht es an die erste Stärkung. Uns wird auf Blättern (diese bilden unseren Ersatzteller) eine große Obstplatte serviert! Diese wird wohl auch von einem weiteren Dschungelbewohner erschnuppert. Es dauert demnach nicht lange bis wir Gesellschaft bekommen. Seht selbst!

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„Magic Moments“

Unser Mittag besteht aus einer Mischung von Wandern und Essen. Zum Mittagessen wird uns in einem Bananenblatt gebratener Reis mit Spiegelei serviert. Und auch wenn unsere Gabeln unsere Finger bilden ist das Essen einfach nur lecker! Wir merken, dass es um die Mittagszeit im Dschungel ruhiger wird. Die „Drei Stunden Touristen“ kehren in ihre Unterkünfte zurück und wir tauchen immer tiefer ein. Wir treffen auf einen weiteren Orang Utan, welchen wir mit Bananen füttern. Sie scheinen ihm zu schmecken und wir genießen die Nähe zu dem Tier. Für mich ein weiteres Highlight, denn während ich ihm die Bananenstückchen reiche berühre ich ganz vorsichtig und langsam seine Hand und seine einzelnen Finger. Sie sehen meinen so unfassbar ähnlich aus. Und so oder so war dieser Moment für mich magisch!

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„Mina, mein Schatz!“

Im Vorfeld haben wir viel über sie gelesen und wahrscheinlich ist sie einer der bekanntesten Orang Utans aus Bukit Lawang: Die Mina! Mina ist eine 37- jährige Orang Utan Dame, welche als, je nach Tagesverfassung, recht aggressiv gelten soll. Das ist sie jedoch auch nicht ohne Grund! Mina wuchs die ersten Jahre ihres Lebens bei Menschen auf. Leider wurde sie hier sehr mies behandelt und erfuhr viel Gewalt (sie hat auch eine große Narbe auf ihrer Stirn). Mina wurde ausgewildert. In folge dessen bekam Mina ein Junges, welches jedoch starb. Mina trug dieses solange in ihren Armen, bis die Nabelschnur porös war und zerfiel. Die Menschen versuchten ihr zu helfen, doch wertete Mina auch dies als weiteren Punkt auf ihrer Liste, warum sie Menschen scheiße findet. Sie befindet sich nun immer wieder im Twist: Im Grunde genommen mag sie keine Menschen, doch sie mag Obst, weshalb sie die Nähe zu den Menschen wiederum sucht. An Tagen, an denen ihre Stimmung nicht die Beste sein soll, macht sie sich das Vergnügen und verfolgt die Gruppen. Heute soll so ein Tag sein. Nachdem wir ein paar Minuten die Chance haben Mina zu beobachten beginnt dieser Affe urplötzlich, los zu laufen und uns zu folgen. Wir hören nur noch von Oman „Go! Go!“ Tatsächlich etwas, was man am Anfang eingebrannt bekommt. „ If I say go, than you have to go as fast as you can!“ In dem Moment, wie Oman dies zu uns sagt sind meine beiden Mitlaufenden auch schon verschwunden. Ich glaube ich habe Henne noch nie so schnell laufen gesehen. 😀 Nun befinde ich mich im Twist:. Ich möchte Mina beobachten, entscheide mich nun doch für die Vernunft und folge meinen Tourkollegen und kämpfe mich den Berg hoch. Gut zu wissen: Verfolgt dich ein Orang Utan, wähle immer den Weg bergauf! Bergab hast du gegen das Tempo des Affens keine Chance. Mina scheint an der Verfolgungsjagd Spaß zu entwickeln und so wandern wir und laufen wir. Wir begegnen im Wandern einer weiteren Gruppe. Es reicht ein Satz: „Mina is coming!“ Et voila! Sie alle springen auf und machen sich bereit zum loslaufen. Oman hat irgendwie recht: „No Mina no Fun!“.

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„And up and down“

Wir wandern noch eine ganze Weile „up and down, and up and down“. Henne und Jane machen sich den Spaß dabei sich das Lied „up and down“ vorzusingen. Ich hasse „up“ und konzentriere mich derweil darauf zu überleben.

„Willkommen im Dschungelcamp 2.0“

Und gegen 15:30h ist es soweit! Wir erreichen unser „5 Sterne Dschungelresort“. Dieses besteht aus:

  • einer Naturdusche, man nannte es Fluss
  • einem Loch im Boden, jedoch durch Bäume der nötige intime Raum, man nannte es Toilette
  • Steinplatten, ein kleiner Verschlag mit Plane, man nannte es Küche
  • Steinplatten, ein Verschlag mit Plane und drei Matratzen, man nannte es Schlafzimmer

Sehr genügsam, doch für uns drei heute perfekt! Da wir doch sehr am schwitzen sind, gönnen wir uns erst mal eine Dusche und werden in Folge mit Tee und Keksen versorgt. Wir begegnen hier Ahmed, unserem Koch, und was für einer! Ahmed verwöhnt uns am Abend mit suuuuper leckerem Essen, ob Kürbiscurry, scharfem indonesischen Fisch, Hühnchen oder Tofu, es schmeckt uns fantastisch! Wir verleben sehr interessante und lustige Abendstunden mit Oman und Ahmed, ob mit guten Gesprächen oder witzigen Spielen. Und auch der regen, welcher zwischendurch aufzieht, hält uns nicht davon ab, einen einmaligen Abend mitten im Dschungel zu haben!

„Ein super Toast und ein mieser Berg – Guten Morgen“

Nach ein paar Einschlafschwierigkeiten schlafe ich auf meiner stinkigen Matratze verblüffend gut und unser Tag startet gegen 8h. Nach einem unfassbar leckerem Frühstückstoast und ordentlich Kaffee starten wir gegen 11h (ja, wir kommen heute irgendwie nicht aus dem Quark) wieder Richtung Dschungel. Oman warnte uns bereits gestern, dass das komplette Stück, welches wir zu meiner Freude gestern zuletzt eine Stunde bergab wanderten, am Folgetag zurück gelaufen werden muss. Ja halleluja! Es war kein Scherz! 😀 Wir kämpfen uns gefühlt ewig diesen verdammten Berg hoch. Ich finde laufen toll, wirklich – Ich könnte es Stunden machen. Ehrlich! Nur eben keine Berge. Irgendwie wurden wir in diesem Leben noch keine Freunde. 🙂 Folglich bringe ich eine gefühlte Ewigkeit damit zu, damit zu kämpfen, dieses Monstrum zu erklimmen, zu fluchen und das Gefühl nicht loszuwerden, gleich zu sterben! (Keine Angst, das ist nur mein Empfinden. Laut der anderen beiden war der Berg anstrengend, aber machbar). 😉

Beim Laufen begegnen wir heute wieder Mina. Heute ist sie in einer besseren Stimmung und lässt uns in Ruhe. Wir wandern noch weitere 4-5 Stunden durch den Dschungel, begegnen noch dem einen oder anderen bekannten, wie auch unbekannten Orang Utan. Mitunter einem echt großen Männchen! Und wieder Glück gehabt, denn neben Oman stehe ich in der ersten Reihe!

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Gegen 16:30h erreichen wir durchgeschwitzt aber selig den Fluss. Nach einem kurzen Bad und einer Obstpause werden die Reifen bepackt und wir „tuben“ in das Dorf zurück. Es macht super viel Spaß und Oman und Ahmed unterstreichen diesen mit ihrer einfach lustigen Art.

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Am Abend treffen wir 5 wieder zusammen, genießen Musik von der Guitarre und genießen ein letztes Mal „jungle trek, jungle trek in Bukit Lawang“ abgeleitet melodisch von dem Lied „jingle bells“.

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Noch Tage nach diesem Trip erwische ich mich immer wieder gedanklich im Dschungel bei Mina und ihren Freunden. Dass Orang Utans zunehmend ihr Lebensraum genommen wird, ist kein Geheimnis. Auch nicht, dass es lediglich zwei Plätze auf dieser Welt gibt, an denen sie in freier Wildbahn leben. Mir vorzustellen, dass ihnen eines Tages ihr kompletter Raum zum Leben genommen wird, finde ich furchtbar. Ich begegnete in diesen zwei Tagen einem so zauberhaften Plätzchen Erde, merke sogar jetzt beim Schreiben, wie ich voller Glück und Zufriedenheit bin und unfassbar dankbar, diese Erinnerung auf ewig in meinem Herzen zu tragen. Hoffentlich ist der Dschungel und die Orang Utans eines Tages nicht nur eine Erinnerung an etwas, was es mal gab…


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