Der Sprung ins kalte Wasser

Das Reisen um die Welt – und wie wir zu der glorreichen Idee kamen alles stehen und liegen zu lassen und einfach mal auf unbestimmte Zeit zu Weltreisenden zu werden.

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Und wie so vieles findet es seinen Ursprung in unserer Kindheit….

Im Grunde genommen sind all die Menschen schuld, die uns groß gezogen haben. Logisch oder? 🙂  Bereits als Kind kam ich schon früh in den Genuss, Urlaube zu erleben. Damals waren es diese typischen Familienurlaube, ab nach Malle, all inclusive und der Miniclub, der mit uns Micheal Jaksons „We are the world“ einstudierte, was wir zum Abschluss unseren Eltern präsentieren durften, um zu beweisen „ja, wir waren im Miniclub tätig. Ja, die haben wirklich was mit uns gemacht“. Meiner Meinung nach bildet es bis heute eine der größten Blamagen meines Lebens. Trotz dessen verlebten wir immer tolle Urlaube. Aber auch in Deutschland waren wir seit eh und je aktiv, machten viele Ausflüge und diese auf die vielfältigsten Art und Weisen. Das so ein grundlegendes Interesse gefördert wird ist wohl abzusehen. Verstärkt wurde dann mein kleiner Reisegeist durch meinen „Herzallerliebst“, Hendrik, mit welchem ich vor einigen Jahren begann, jede Möglichkeit zu nutzen, die Welt zu entdecken.

Und plötzlich war sie da, die Idee! Der Parasit, der einfach nicht mehr gehen wollte…

Die Idee, einmal eine Weltreise zu machen, kam uns bereits vor fünf Jahren. Wir planten nach Hendriks Studium (welches er nun aktuell abschliesst) durhzustarten. Mit den Monaten; mit dem Job, mit den Haustieren, mit der Wohnung, mit dem Streben nach Sicherheit in der Zukunft, und mit der großen Frage der finanziellen Möglichkeiten wanderte auch wieder unsere großartige Idee, die Welt als Normaden zu betrachten, über den Jordan. Im Volksmunde könnte man auch dazu sagen : „Herzlich Willkommen im gottverdammten Hamsterrädchen!“ – Und wie nun viele denken werden „warum, das Hamsterrädchen ist doch wunderbar!“-Stimmt. Es ist in der Tat lebenswert. Die Aussicht, dieses auf unbestimmte Zeit zu verlassen ist allerdings auch gar nicht so verkehrt. Und einen Schaden werden wir wohl auch nicht davon nehmen, eher im Gegenteil. Ich meine, sind wir doch mal fair. Nicht jeder plant eine Weltreise um seinem Alltag zu entfliehen oder sich selbst ganz neu zu entdecken. Und selbst wenn. So What? Diesen Menschen gelingt das eventuell sogar eher als manch einem anderen 😉 . Ich betrachte das eher so: Das Hamsterrädchen ist durchaus okay. Aber ich kann meinem Leben in diesem doch noch eine größere Vielfalt bieten, wenn ich den Mut habe, das Hamsterrädchen, den Hafen der Sicherheit, zu verlassen und neue Gewässer kennenzulernen. Letzlich läuft mir mein Hamsterrädchen ja nicht weg. Und all diese Argumente, wie „aber dein sicherer Arbeitsvertrag, aber deine Wohnung, aber kein Gehalt, aber aber aber“. Ich bin Deutsche, somit habe ich das Privileg bereits reich geboren zu sein. Egal was mir passiert, nach meiner Rückkehr habe ich Anspruch auf Obdach, auf Geld, welches mich grundabsichert und auf eine solide Krankenversicherung. Das ist so viel mehr, als so viele Menschen auf dieser Welt besitzen. Damit möchte ich nicht sagen, dass jeder, der nicht solch eine Reise macht, etwas verpasst in seinem Leben. Aber all jene, welche auch diesen Traum verfolgen: Welche Sicherheiten habt ihr wirklich im Leben? Und welche braucht ihr in eurem Leben? Und was verliert ihr wirklich, wenn ihr diesen Sprung ins kalte Wasser wagt? Ein wirklich schlauer Mensch (Hendrik) sagte mal zu mir : “ Um die vollkommene Freiheit genießen zu können muss man den Mut haben, Sicherheiten bei Seite zu legen“. – Ich denke, an diesem Satz ist so viel mehr wahr, als man im ersten Moment glaubt.

Und wir fällten einen Entschluss: Wir packen unsere Koffer und machen mit unserem jetzigen Leben Schluss…

Da waren wir also, mitten in unserem Leben. Wir lebten gut, zweifellos. Wir gingen unseren Berufungen nach, welche ich für meinen Teil sehr gerne mache. Wir waren sehr aktiv, lebten das Leben was für uns das Ideale darstellte. Und dennoch, in jedem unserer Urlaube merkten wir, wie sehr sich dieser eine Traum immer wieder in unser Bewusstsein durchboxte, wie ein Parasit, der nicht gehen wollte. Im Jahre 2015 bewarb sich Hendrik dann bei „Wer wird Millionär“, einfach nur so. Er wollte sein Glück versuchen. Es ist und bleibt ein Phänomen; Was mein Herzallerliebst anfässt, wird zu Gold. Er bewarb sich, wurde eingeladen, kam auf den begehrten Stuhl, räumte zwar keine Million ab, aber mehr als genug, um sich den einen oder anderen größeren Traum zu erfüllen. Ich bin kein guter Christ und meine Beziehung zu dem Allmächtigen war schon mehr als einmal sehr belastet, aber das! Das bewertete ich eindeutig als ein Zeichen! Für uns war die Botschaft klar: „Ihr wollt es? Spätestens jetzt hindert euch gar nichts mehr“. Ehrlich gesagt wären wir die größten Vollidioten, wenn wir an der Stelle noch immer nach Argumenten gesucht hätten, es nicht zu tun und diesen Traum bei Seite gelegt hätten. Und der Beschluss stand fest: Im April 2017, nach Hendriks Studium, geht es auf Weltreise!

Und plötzlich begann die Reise, viel früher, als eigentlich erwartet….

Man sagt, eine lange Reise ist ebenso eine Reise zu sich selbst. Möglich. An diesem Punkt bin ich noch nicht angekommen 🙂 . Aber, ich muss diese Aussage ein wenig abändern: Der Moment, in dem du beschliesst eine Weltreise zu machen ist jener Moment, in dem du die Reise und auch die Reise zu dir selbst beginnst. Dieser Moment begann es einfach zu verändern, „es“, das Gesamte. Im Grunde genommen begibst du dich nicht nur auf den Pfad, dein ganzes Leben umzukrempeln, was ja schon eine Herausforderung an sich darstellt. Du beginnst, anders zu denken, je nach Zeitpunkt, und begibst dich auf eine emotionale Achterbahnsfahrt. Am Anfang hält man sich für Hulk (Hulk benutze ich gerne als Synonym für das Unzerstörbare, den Unertastbaren überhaupt 🙂 ). Du feierst dich und deine ganze Welt und registrierst, dass du etwas Großartiges vorhast. Kein Gefühl dieser Welt, nichts und niemand könnte dir dieses vollkommene Glück nehmen. Irgendwann wird es dann konkreter. Du beginnst, Listen zu schreiben, was du alles zu erledigen hast, dir Deadlines zu setzen, und die ersten Verträge zu kündigen.  So richtig, richtig bewusst, was ich da überhaupt tue, wurde es mir, als mein Handyvertrag im August 2016 auslief und ich auf eine Prepaidkarte umstieg. Ich weiß wie bescheuert das gerade klingt. Doch es war das erste Element, was sich in meinem Leben wegen der Weltreise veränderte, das Element, was mir bewusst machte: Jetzt wird es allmählich konkreter. Und es folgte eine weitere Welle an Kündigungen. Um es zusammen zu fassen: Es folgte die Welle, in der man sein ganzes Leben kündigt.Das eigentliche Fiese daran ist, man weiß, man tut das alles für eine einmalige Chance in seinem Leben, etwas Wundervolles. Leider ist es jedoch so, dass du zu diesem Zeitpunkt der Vorbereitung noch keine konkrete Idee hast, wo die Reise eigentlich genau hingeht. Du weißt einfach nicht, was ganz genau auf dich wartet und musst dich an deinen Vorstellungen hochziehen, während du all deinen sicheren Pferdchen dabei zusiehst wie sie sich über die Klippe stürzen und töten.

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Alles nimmt ein Ende, auch die Begleiterscheinung guter Dinge: Die Sorgen….

Im Dezember hatte ich dann eines dieser Gespräche, welche man nicht allzu häufig führt: „Sehr geehrter Herr XY, ich kündige, denn ich plane eine sehr lange Reise, eine Weltreise!“ Ich hatte unfassbare Angst vor diesem Moment, doch wie ich es aussprach spürte ich, wie sehr ich mich zusammenreissen musste, nicht wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen oder laut los zu lachen. Und spätestens mit der schriftlichen Kündigung meines Jobs und der meiner Wohnung war es gelaufen. Es stand fest: Zum 31.03.17 bin ich obdachlos, zum 15.04.17 arbeitslos- zum Ende des 1. Quartals 2017 bin ich ein freier Mensch! „Welcome to the point of no return“. Und ehrlich gesagt wurde alles an diesem Punkt leichter. Das Kopfkino verabschiedete sich; Getroffene Entscheidungen und Handlungen kehrt man nicht so einfach um, warum also hinterfragen? Ab jetzt hieß es nur noch Zelte abbauen.

Und plötzlich bekam ich eine grobe Idee davon, was es bedeutet, frei zu werden….

Man sagt, auf einer langen Reise lernt man, mit wenig Dingen auszukommen. Man lernt, den Blick vom Massenkonsum abzuwenden und mit nur wenigen Dingen leben zu können.- Ich hoffe dem ist so. Noch mag ich gar nicht darüber nachdenken, meinen Rucksack zu bepacken 🙂 Aber: Mitte Januar schaute ich, wie jeden Monat, auf mein Konto. Es ist schon witzig wie wenig Abbuchungen dieses plötzlich zu verzeichnen hatte. All diese Dinge, die ich zuvor hatte, wie z.B. mein mehr als passiver pseudo Fitnessstudiovertrag, oder oder, schienen mir zuvor als grundlegende Bedingung meines Überlebens. Welch ein Vollidiot ich doch war 🙂 !

Und aus einer Idee wurden Vorstellungen. Aus Vorstellungen wurden Pläne…

Und plötzlich lichtete es sich zunehmend mit Beginn des neuen Jahres. Wir buchten! Endlich! Es wurde konkret. Wir begannen zu planen, uns zu belesen, unsere Routen wachsen zu lassen. Man begann ENDLICH konkret zu realisieren wofür. Ironisch, denn ich wette ich kann es mir noch gar nicht vorstellen, die wirklichen Reize einer langen Reise (mal sehen was ich dazu in ein paar Monaten zum Besten gebe). Aber alleine die Tatsache, sich selbst vor seinem geistigen Auge am Miami Beach zu sehen erfüllte mich mit unglaublichem Glück.

Ein Wechselbad der Gefühle: Was muss, das muss…

Nun schreiben wir Mitte Februar. Noch ganze zwei Monate, nur noch zwei Monate. Momentan befinde ich mich irgendwo an der Schwelle von gut und böse, werde aber von Tag zu Tag gelassener. Ich bin traurig, wenn ich daran denke, welche Menschen ich auf meinem Weg zurück lasse. Ich bin Pädagogin in einer Jugend WG. Der Gedanke killt mich, von ihnen Abschied zu nehmen. Oder aber der Fakt, meine Liebsten solange nicht drücken zu können. Gleichzeitig bin ich im siebten Himmel, wenn ich darüber nachdenke, was ich wohl in drei Monaten tue, es aber im Grunde genommen sowas von scheiß egal ist, denn ich bin da frei 🙂 Zwischendurch kam ich mir im übertragenem Sinne vor wie ein Boarderliner (ohne hier jemanden angreifen zu wollen, ich weiß, es handelt sich um eine ernsthafte Erkrankung) : „Ich liebe es, ich hasse es“ Ich denke, den Punkt habe ich ohne Narben überlebt 🙂 . Nein, die Planung einer Weltreise ist NICHT durchweg blumig und romantisch. Ja, wer es plant wird zwischendurch heulen,strahlen, zweifeln, vor Glück nur trotzen und sich vorkommen als wäre er nicht mehr ganz dicht, weil er plötzlich nicht mehr weiß, weshalb er gerade eigentlich rumheult, obwohl man eigentlich doch etwas so Wunderbares plant. Freude? Trauer? Beides. Aber ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass es sich bezahlt machen wird, und auch jedes gemischte Gefühl das Normalste der Welt ist. Ich denke, es wäre viel trauriger, würde man nicht ein Tränchen verdrücken über das,was man zurück lässt. Doch was ich mit Sicherheit behaupten kann ist: Ich habe unsere Entscheidung nicht mit einer Sekunde bisher bereut, obwohl wir noch nichtmal gestartet sind. Nur noch zwei Monate, bis ein weiteres Kapitel in meinem Leben geschrieben wird, ein ganz Besonderes: es wird das Kapitel über die Reise meines Lebens.


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